Der Schlaf der Vernunft gebiert Hirngespenster

Monika Lodderstaedt-Dürr: Der Schlaf der Vernunft gebiert Hirngespenster

Kennt ihr die Geschichte von Salvador Dalí und dem Löffel? Angeblich machte er tagsüber gerne kurze Nickerchen und hielt dabei einen Löffel in der Hand. Wenn sich im Schlaf seine Muskulatur entspannte, wurde er von dem Geräusch des auf den Teller fallenden Löffels geweckt, um sofort zu einem bereit liegenden Stift zu greifen und seine Träume zu skizzieren. Das Unbewusste als Quell aller Kreativität!

Das Phänomen ist vertraut: Kurz vor dem Einschlafen, wenn das Gehirn langsam herunterfährt, kommt die Idee. Oder am nächsten Morgen beim Aufwachen. Vorausgesetzt es schreit gerade kein Kind, das auf der Stelle alle Aufmerksamkeit einfordert. Wird das Gehirn einmal in Ruhe gelassen, fängt es an zu sortieren, herauszuschmeißen, neu zusammenzusetzen. Es geht die Bilder durch, die es einmal irgendwo gesehen und verarbeitet hat. Der persönliche Mnemosyne-Atlas wird durchgeblättert und findet manchmal Erstaunliches. Goya zum Beispiel. Ganz plötzlich tauchte in meinem Kopf das passende Bild auf. Die Hirngespenster und die Corporate Story der nächtlichen Inspiration waren längst fester Bestandteil meines Labels, da ist es da: Das ist doch wie in einem der Caprichos von Goya! Die Radierung mit der Inschrift „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, das berühmte Capricho No. 43.

Goya: El sueño de la razón produce monstruos (Der Schlaf [Traum] der Vernunft gebiert Ungeheuer), Capricho Nr. 43, Radierung, 1797 – 1798, Madrid

Capricho 43 als Illustration der künstlerischen Fantasie?

Dunkle Nachtgestalten umkreisen einen schlafenden Künstler. Die Bedeutung des Motivs ist zugegeben umstritten. Meinte Goya mit Capricho 43 tatsächlich die oben erwähnte Phase der Inspiration, während der der Künstler den Verstand ausschaltet? Ende des 18. Jahrhunderts, als die Caprichos entstanden, begannen viele Künstler sich mit der eigenen Psyche zu beschäftigen. Das Irrationale, Unbewusste wurde zum notwendigen Gegenpol des Rationalen in der aufgeklärten Gesellschaft. Auch Goya war der Überzeugung, dass der wahre Kern der Dinge erst mithilfe der künstlerischen Fantasie ans Licht kommt. Die am Tisch liegenden Malutensilien erinnern ebenso wie die Eule, die dem Träumenden die Schreibfeder reicht, an die späteren Techniken von Surrealisten wie Dalí, die dem Unbewussten das Feld gänzlich überließen. Interessanterweise wird heute dem Unbewussten als Inspirationsquelle wieder große Bedeutung zugemessen. Man findet den Zustand, in dem der Verstand zur Ruhe kommt und so neue Ideen hervorbringt beispielsweise unter dem Etikett „kreativer Flow“ – der ist voll im Trend und mit viel positiven Vibrations besetzt. Ein Löffel, um aus dem Dämmerzustand geweckt zu werden, ist nicht mehr notwendig. Es reicht, beim Ausmalen von Mandalas die Gedanken fließen lassen. Der Unterschied zu Goya: Auf seinen Bildern wirken die inspirierenden Nachtgestalten bedrohlich – nichts mit Wellness für die Seele. Unkontrollierte Fantasie war für Goya, den alten Aufklärer, immer auch eine Gefahr.

Capricho 43 als Illustration von Volksverdummung?

„Traum des Autors, der mit diesen Caprichos tadeln, das lächerliche Treiben bessern und zum Sieg der Wahrheit beitragen will.“ steht unter der vorbereitenden Zeichnung. Goya befürchtete, dass menschliche Torheit durch einen Mangel an Verstandesarbeit gefördert wird. War der Satz „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ also doch eher politisch gedacht? Eine aufklärerische Warnung: Wenn ihr nicht mitdenkt, wenn ihr alles glaubt, was man euch sagt und vor euch hinträumt, eure Zeit beim Mandala ausmalen verdaddelt, passiert etwas, das ihr nicht vorausgeahnt habt. Werdet ihr zum Spielball bedrohlicher Mächte. Sind Eulen und Fledermäuse Boten der Dummheit, Ignoranz und Finsternis, wie es der damaligen Bildsprache entspräche? Ist der von Nachtvögeln umkreiste Körper des Künstlers mit dem von dunklen Mächten bedrohten Leib des Volkes gleichzusetzen?

Mein Capricho 43

Ich würde sagen: Ein zweideutiger Satz ist zweideutig illustriert und Goya war ein genialer Illustrator. Oder auch Wort-Bild-Zusammenbringer. Und in seiner Uneindeutigkeit wahnsinnig inspirierend. Das Bild lädt jeden Illlustrator ein, es für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Mein Zweck war in erster Linie, meine Corporate Story zu illustrieren: Hirngespenster, die nachts durch meine Gedanken tollen und mich auf neue Bildideen bringen. Dafür mussten natürlich die bedrohlichen Nachtgestalten durch possierliche Hirngespenster ersetzt werden. Man muss ein bisschen aufpassen, sie triezen die Seele bisweilen und versuchen den Verstand hinters Licht zu führen. Sie versuchen furchterregend zu sein. Aber eigentlich sind sie ganz nett.

 

Der Schlaf der Vernunft gebiert Hirngespenster (MUDH)
Der Schlaf der Vernunft gebiert Hirngespenster, Aquarell auf Papier, 2018

 

 

 

Literatur

 

Busch, Werner

1986    Goya und die Tradition des ,capriccio’. In Wie eindeutig ist ein Kunstwerk? M. Imdahl (Hg.). S.41-75. Köln: DuMont Buchverlag.

Held, Jutta

1995    Francisco de Goya. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch.

 

Hofmann, Werner

1981    Goya. Traum, Wahnsinn, Vernunft. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag.

Klingender, Francis

1973    Goya in the Democratic Tradition. In Goya in perspective. F. Licht (Hg.). S. 36-70. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall

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