Der Ochs aaf der Fleischbrüggn – Zur neuen Kartenkategorie „Stadt und Provinz“

„Schau mal, das hab ich dir gemalt!“ – die kindliche Begeisterung, seine Lieben mit einem selbst gemalten Bild zu überraschen, ist bei mir nicht mit der Pubertät verschwunden. Aus der Gepflogenheit, Familienmitgliedern oder Freunden zu allen möglichen Anlässen individuelle Karten zu malen, ist sogar mein eigenes Illustrationslabel „Moni und die Hirngespenster“ entstanden und damit die Idee, mein Faible für persönliche Motive auf Städte oder Regionen zu übertragen. Denn wie eine Person hat auch eine Stadt bestimmte Eigenschaften, liebenswerte Geschichten und kuriose Macken. Der geplante Stand auf dem Stijlmarkt in Nürnberg, in meiner alten fränkischen Heimat, war Anlass dafür, mir Nürnberg als erstes vorzunehmen. Ich liebe Franken mit all seinen Marotten – und davon gibt es viele. Auf der Suche nach Inspiration befragte ich Alteingesessene und wurde unter anderem auf die Nürnberger Redensart „Des hädd mer der Ochs aaf der Fleischbrüggn aa soogn könna“ verwiesen. Wie wunderbar!

Diese abfällige Bemerkung zu einer überflüssigen oder nicht gegebenen Antwort – auf Hochdeutsch „Das hätte mir der Ochse auf der Fleischbrücke auch sagen können“ – illustriert bestens die fränkische Kommunikationsweise. Franken sind nicht gerade für ihre Höflichkeit berühmt. Hier wird einem ehrlich und ohne Schnörkel vor die Füße geschmissen, was Sache ist. Bestenfalls ein kurzer Schlenker über einen derben Witz ist erlaubt! Wenn ihr einem Franken antwortet, dann kurz und schmerzlos und bitte nicht übertreiben. Die einfach dahin gequatschte Antwort wird nicht toleriert – wahrscheinlich a Neigschmeggder. Der Ochse, der stumm auf dem Ochsenportal der Nürnberger Fleischbrücke liegt, dient als Projektionsfläche für das nichts Sagen. Laut dem Ochsenbiographen Werner Taegert zeichnet er sich durch eine „genetisch bedingte Maulfaulheit“ aus. Dabei passt er doch irgendwie zu den Franken, die auch oft als maulfaul charakterisiert werden.

Der Ochse ist allerdings mitnichten ein Franke, sondern ein ungarisches Steppenrind. Im 16. Jahrhundert wurden davon zahlreiche aus ihrer Heimat bis ins Nürnberger Fleischhaus neben der Fleischbrücke getrieben und dort geschlachtet. Und wer die lateinische Inschrift unter dem Ochsen liest, wird zudem darauf hingewiesen: „Omnia habent ortus suaque incrementa, sed ecce: quem cernis nunquam bos fuit hic vitulus“, zu Deutsch: „Alles hat seinen Ursprung und sein Wachstum, doch sieh nur: Den du erblickst, dieser Ochse, ist niemals ein Kalb gewesen“. Ja, er ist halt nur aus Stein, der Gute. „Ceci n’est pas une pipe“, wie Magritte 400 Jahre später zu seiner Pfeife sagen wird.

Mit meiner Illustration wollte ich versuchen, in die Rolle des Ochsen zu schlüpfen und die Legenden Lügen strafen. Kann er nicht auch mal was Relevantes sagen? Zum Beispiel auf die Schönheit der Nürnberger Altstadt hinweisen. Das ist für Ansichtskarten touristisch verwertbar und es fänden sicher sogar die Nürnberger gut. So entstand meine erste Version:

 

 

Andererseits: Ist der Hinweis auf die Schönheit der Nürnberger Altstadt nicht schon eine Banalität? Das braucht der Franke ja nicht nochmal wiederholen. Des hädd der Ochs aaf der Fleischbrüggn aa soogn könna. Hat er aber nicht, weil er genauso maulfaul ist wie ein Franke. Daher entschied ich mich, einen Ochsen darzustellen, der vielleicht vor langer Zeit mal neigschmeggd und sogar im doppelten Sinne kein echter Ochse ist, weil nur die gemalte Version einer Steinskulptur, aber er in seinem Herzen doch ein echter Franke. Er ist nicht schweigsam, weil er nicht sprechen könnte, wenn er wollte, sondern weil der Großteil an Konversation überflüssig ist. Su bläid isser nämlich gar ned.

Schaut mal, liebe Nürnberger, das habe ich euch gemalt:

 

 

 

Literatur:

Bast, Eva-Maria: „Der Ochs, der niemals ein Kälblein gewesen war“, in: Fürther Nachrichten, 15.März 2019, S.11

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Fleischbr%C3%BCcke

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