Hirngespenster und Verlagswesen – ein Nachbericht zur paperworld

Illustration: Monika Lodderstaedt-Dürr

Schon seit Langem hatte diese schöne Idee im Kopf: Ich verkaufe meine Motive an einen großen Grußkartenverlag, überlasse den Vertrieblern den Vertrieb und die Karten verkaufen sich quasi von alleine. Ich machte mich daher auf den Weg zu einer der wichtigsten Messen für Grußkartenverlage, der paperworld in Frankfurt – im Gepäck eine Mappe mit einer Auswahl von Grußkarten aus meiner Kollektion. Neun Verlage, die mir für meinen Stil am relevantesten erschienen, hatte ich mir auf einen Zettel geschrieben, dazu einen Plan, wie ich durch die Halle laufen möchte und das feste Vorhaben bei keinem der Stände zu kneifen. Fast hätte ich es geschafft, den Plan durchzuziehen.

Ziemlich bald nachdem die entsprechende Halle mit den Grußkarten gefunden hatte, treffe ich auf Verlag Nummer eins: Ich steh vor dem Stand, sehe nur Karten mit goldenen Handletterings und Glitzerblumen und denke: „Mmmh, naja, der ist vielleicht doch nicht relevant für mich.“ Ich entscheide mich dafür, doch erstmal weiter zu schauen und durch die Halle zu schlendern – vorbei an immer mehr goldenen, oder auch mal andersfarbigen, Handletterings, Blumen und Glitzer, süßen Teddybären und vielen, sehr hippen Karten mit Faultieren.

Illustration: Monika Lodderstaedt-Dürr
Moni auf der paperworld

Ich komme zu Verlag Nummer zwei, hier sehe ich auch ein paar Karten in individuellerem Stil, auch ein paar aquarellierte Tiere. Ich frage mal nach: Die zuständige Person ist nicht da, ich darf wiederkommen. Weiter zu Verlag Nummer drei: Die zuständige Person ist nicht da, ich darf meine Visitenkarte dort lassen, bei Interesse werde ich angerufen (dies wird nicht passieren). Schon komme ich an Verlag Nummer vier vorbei, der sehr schöne Karten hat, ästhetisch ansprechend: Ich kann mit der zuständigen Person sprechen. Sie kündigt mir schon an: „Wir sind ein kleiner Verlag und nehmen nur sehr wenige neue Illustratoren auf.“ Dann blättert sie durch: „Das sehe ich gleich, ist nicht schlecht, das hat nichts mit Qualität zu tun, aber das passt nicht zu uns. Außerdem bin ich Vegetarierin [nachdem sie die Karte mit dem Schäufele gesehen hat]. Haben Sie es mal bei Kinderbuchverlagen versucht? Die nehmen manchmal auch etwas schrägere Sachen.“ Ach so, ich bin schräg. Na gut, dann eben zurück zu Verlag Nummer zwei: Zwei zuständige Personen blättern das Portfolio durch, lachen an manchen Stellen, aber schauen insgesamt trotzdem immer ernster drein: „Das geht nicht. Es sind zwar gute Einfälle dabei. Aber das wird nicht verkauft werden. Die Kunden gehen mehr auf die lieblicheren Motive. Wir machen nur große Auflagen, da müssten wir das meiste einstampfen.“ Ja, okay, wenn ich mir die aquarellierten Tiere auf den Karten des Verlags ansehe, entsprechen sie doch meist dem Kindchen-Schema, jedenfalls sind nicht schräg. Schon etwas entmutigt gehe ich weiter zu Verlag Nummer fünf: Zwei zuständige Personen blättern das Portfolio durch, die eine lacht an manchen Stellen, die andere schaut immer ernster. Die lachende Person sagt „Sie sind sehr kreativ. Ich persönlich finde manches auch witzig, aber das wird nicht verkauft werden. Sorry. Ich denke, wir sind da einer Meinung?“ Schaut zur ernsten Person, die ernst nickt. „Haben Sie es schon mal mit Kinderbüchern versucht?“ Weiter vorbei an Faultieren und Handletterings zu Verlag Nummer sechs: Die zuständigen Personen sind im Gespräch. Ich solle noch einmal vorbeikommen. Daher versuche ich es erstmal bei Verlag Nummer sieben: Die zuständige Person blättert das Portfolio durch, sehr interessiert, lacht an manchen Stellen und sagt „Jaaaa, manche Sachen sind ganz witzig, sehr makaber teilweise, mit diesem Wolf… Aber der Wolf ist leider kein Sympathieträger. Ich denke, das wird nicht verkauft werden. Das können wir nicht machen.“ Ich sehe mich weiter um. In welchen Verlag könnte ich passen?

Illustration: Monika Lodderstaedt-Dürr
Ist das Faultier wirklich so ein possierliches Tierchen?

Ich sehe nur noch altbackene Teddybären, schrille Fotografien, über die eine bunte computergenerierte Handschrift gesetzt wird, zur Auflockerung immer wieder das Hipster-Faultier. Auch Verlag Nummer acht auf meiner Liste bietet nur putzige Tierchen, Blumen und Handletterings an: Die zuständige Person ist nicht da. Ich bekomme eine Visitenkarte, und könne evtl. ein Pdf schicken. Mir fehlt noch ein Haken. Auf geht es zu Verlag Nummer neun, der ein paar schöne, stylishe Serien hat: Die zuständige Person blättert mein Portfolio durch, lacht gelegentlich. „Ja, das ist witzig, passt aber nicht in unsere Linie. Wir haben mehr den flächigen Stil.“ (zeigt auf ein Faultier).

Ich überlege, ob ich nochmal zu Verlag Nummer sechs gehe oder nicht. Auf dem Weg spricht mich eine Dame eines weiteren Verlages an, ob sie mir helfen könne. Der Stil des Verlages ist so etwa „schrille Fotografien mit bunter, computergenerierter Handschrift“. Doch ich schildere ihr mein Anliegen und sie meint: „Ich schau mir Ihr Portfolio gerne mal an. Wir sind vor allem auf der Suche nach Illustratoren mit Humor.“ Ich hoffnungsfroh: „Ah, das ist gut. Humor hab ich.“ Die Dame blättert das Portfolio durch und sagt nach einer Weile: „Humor? Wie meinen Sie das mit Humor? In Ihren Karten?“

Das ist der Killer. Ich gehe nicht mehr zu Verlag Nummer sechs, verlasse das Messegebäude, setze mich ins Kaffee Karin und esse einen Pfannkuchen. Ich beginne, mich von der schönen Idee zu verabschieden.

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